Das Wochenbett beginnt unmittelbar nach der Geburt der Plazenta (Mutterkuchen) und dauert 6 bis 8 Wochen. In den ersten 10 Tagen spricht man vom Frühwochenbett. Dann schließt sich das Spätwochenbett an1. Bei einer Entlassung von Mutter und Kind innerhalb der ersten 3 bis 24 Stunden nach der Geburt spricht man von einer ambulanten Geburt2. Im Jahr 2014 gingen laut dem Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen (AQUA-Institut) 3% der Frauen, die in Kliniken geboren hatten, ambulant nach Hause3. Zudem erfolgen 1,3% der Geburten außerklinisch4 und somit ebenfalls ambulant.

Es gibt immer wieder Stimmen, die ambulante Geburten sowie außerklinische Geburten und kurze Klinikaufenthalte von 1-3 Tagen kritisch sehen. Mandl merkte 1997 an, dass die Überwachung in der Anpassungsphase in diesen Fällen im Verantwortungsbereich der Eltern läge und diese, vor allem bei niedrigerem Sozialstatus und junger Elternschaft, häufig überfordern. Insbesondere die vorgesehenen Screeninguntersuchungen, deren Nutzen für das Neugeborene unbestritten ist, würden nicht immer ordnungsgemäß durchgeführt5. Setzt man diese Sorge mit den Daten der KIGGS-Studie (Kinder- und Jugendgesundheitssurvey) in Verbindung lässt sich jedoch feststellen, dass die U-Untersuchungen (U3 bis U9) zur Früherkennung und Vorsorge von Erkrankungen im Rahmen der zweiten Welle im Vergleich zur Basiserhebung häufiger in Anspruch genommen worden sind. Im ersten Lebensjahr lagen die Teilnahmequoten für die Untersuchungen U3 bis U6 sogar bei über 95%. Dieser Anstieg ließ sich insbesondere bei Familien mit niedrigem Sozialstatus messen6. Bereits 1987 fanden Dongus et al. in einer Berliner Studie heraus, dass eine ambulante Geburt bei einem verantwortungsbewussten Verhalten der Eltern zu vertreten sei und sich nicht negativ auf die kindliche und mütterliche Morbidität (Erkrankungsrate) auswirke. Die Autoren sahen zudem mannigfaltige psychosomatische Vorteile, wie den intensiven Frühkontakt zwischen Mutter und Kind, die verbesserte Integration in die Familie, weniger Zwänge bezüglich Still- und Besuchszeiten und weniger depressive Reaktionen im Wochenbett2. In einer späteren großen prospektiven Kohortenstudie konnte der statistisch signifikant positive Effekt der ambulanten Klinikgeburt bzw. außerklinischen Geburt auf die Stilldauer gezeigt werden7. Seit dem Jahr 2000 werden viele Frauen am 3. Tag aus der Klinik entlassen, wenn die U2 sowie das Neugeborenen Screening erfolgt sind. Dies ist jedoch eigentlich ein ungünstiger Zeitpunkt, da die Wöchnerin am 3. Tag oft durch Milcheinschuss und hormonelle Umstellung belastet ist1.

Neben den Ergebnissen, dass häufiger und intensiver gestillt wurde, stellte sich in einer weiteren Berliner Studie heraus, dass die Frauen, die in der Klinik die ambulante Geburt wählten, besser informiert waren, eine aktivere Geburtsvorbereitung betrieben und fast ausnahmslos eine Bezugsperson in das Geburtsgeschehen einbezogen8. Des Weiteren zeigten Frauen einer niederländisch-deutschen Studie, die ambulant oder zu Hause entbanden, landesunabhängig einen niedrigeren Angst- und einen höheren Selbstwert als Frauen, die im Krankenhaus entbanden9. Im Rahmen der Freiburger Säuglingsstudie zur Untersuchung von Faktoren, die das frühe Säuglingsschreien beeinflussen, fanden die Autoren/ Autorinnen heraus, dass Frauen, die ihr Wochenbett in der Klinik verbrachten mehr als doppelt so häufig von Heultagen oder Wochenbettdepressionen berichteten als Frauen nach ambulanten Klinikgeburten oder außerklinischen Geburten. Im Gegensatz dazu hatten weder Schwangerschafts- noch Geburtsverlauf einen signifikanten Einfluss auf Heultage. Auch wenn sich kein deutlicher Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von verstimmten Tagen und der Säuglingsunruhe zeigen konnte, schlussfolgerten der Autor, dass bis zu einem Drittel der Schreivarianz durch moderne, kulturabhängige Betreuungsfaktoren bzw. durch die Entfernung von evolutionsbiologischen Modellen erklärt werden könnten. Der Autor forderte, Geburtsbedingungen sowie die Bedingungen nach der Geburt im Sinne optimaler Startvoraussetzungen für das Eltern-Kind-Team und die kindliche Entwicklung zu schaffen10.

Wie oben bereits erwähnt gibt es im Rahmen der DRG-Optimierung auch in der Geburtshilfe zunehmend Frühentlassungen. Es stellt sich die Frage, ob Frühentlassung und Risikominimierung miteinander vereinbar sind. Wie auch in anderen medizinischen Bereichen ist der Erfolg einer frühzeitigen Entlassung von der Qualität des Entlassmanagements und der poststationären Betreuung abhängig. Eine Studie von Wojcinski und Schmidt konnte zeigen, dass es nach Frühentlassungen nach der Geburt keine erhöhte Rate an Re-Hospitalisierungen, Arztkonsultationen oder Wochenbettkomplikationen gab. Im Gegensatz dazu wurde die ambulante Betreuung durch die Hebammen sogar besser bewertet, als die stationäre Betreuung. Es ergaben sich höhere Stillraten und weniger psychosoziale Probleme11. Sayn-Wittgenstein vermutet als Grund für die dennoch recht seltenen ambulanten Geburten, mit einer Verweildauer von zwei bis sechs Stunden nach der Geburt, dass die Neugeborenen-DRG frühestens nach einem stationären Aufenthalt von 24 Stunden abgerechnet werden kann12.

Aus medizinischer Sicht hat eine Frühentlassung bei lückenloser Übergabe in eine kompetente Nachbetreuung demnach nicht nur keine negativen Auswirkungen, sondern ist sogar positiv besetzt. Als Voraussetzung sollte eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit von Klinik, Frauenarzt/ Frauenärztin, Kinderarzt/ Kinderärztin und Hebammen/ Entbindungshelfern auf regionaler Ebene mit entsprechenden Infrastrukturen etabliert werden12.

Literaturverzeichnis
1 Harder, U. (2005). Die Bedeutung des Wochenbetts. In U. Harder (Ed.), Edition Hebamme. Wochenbettbetreuung in der Klinik und zu Hause (2nd ed., pp. 2–7). Stuttgart: Hippokrates-Verl.
2 Dongus, G., Kentenich, H., & Stauber, H. (1987). Wie gefährlich ist die ambulante Entbindung? Archives of Gynecology and Obstetrics, 242(1-4), 706–709. doi:10.1007/BF01783306
3 AQUA-Institut. (2015). Bundesauswertung zum Erfassungsjahr 2014: 16/1 – Geburtshilfe Qualitätsindikatoren. Göttingen. Retrieved from Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH (AQUA-Insitut) website: https://www.sqg.de/ergebnisse/leistungsbereiche/geburtshilfe.html
4 Loytved, C. (2016). Qualitätsbericht 2014: Außerklinische Geburtshilfe in Deutschland. Auerbach/V. Retrieved from http://www.quag.de/downloads/QUAG_bericht2014.pdf
5 Mandl, M. (1997). Zustandsbestimmung und Beurteilung des Neugeborenen nach der Geburt (U1 und U2). Der Gynäkologe, 30(1), 17–19. doi:10.1007/s001290050085
6 Rattay, P., Starker, A., Domanska, O., Butschalowsky, H., Gutsche, J., & Kamtsiuris, P. (2014). Trends in der Inanspruchnahme ambulant-ärztlicher Leistungen im Kindes- und Jugendalter: Ergebnisse der KiGGS-Studie – Ein Vergleich von Basiserhebung und erster Folgebefragung (KiGGS Welle 1) [Trends in the utilization of outpatient medical care in childhood and adolescence: results of the KiGGS study – a comparison of baseline and first follow up (KiGGS Wave 1)]. Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz, 57(7), 878–891. doi:10.1007/s00103-014-1989-1
7 Schwegler, U., Kohlhuber, M., Twardella, D., Abou-Dakn, M., Rebhan, B., & Fromme, H. (2008). Einfluss der Stillbedingungen in den ersten Lebenstagen auf die Dauer des ausschließlichen Stillens. Geburtshilfe und Frauenheilkunde, 68(6), 607–614. doi:10.1055/s-2008-1038518
8 Dech, K. (1984). Psychologische und psychosomatische Aspekte und Einflüsse in der Geburtshilfe und Perinatalmedizin unter besonderer Berücksichtigung der ambulanten Klinikentbindung (Dissertation). Freie Universität, Berlin.
9 Windsor-Oettel, V. (1992). Angst und Selbstwert von Frauen vor und nach der Entbindung in Abhängigkeit von der Entbindungsform: Eine vergleichende Untersuchung Den Haag – Hamburg unter Einbeziehung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen. Univ., Diss.–Hamburg, 1991. Europäische Hochschulschriften Reihe 6: Vol. 352. Frankfurt am Main: Lang.
10 Bensel, J. (2006). Freiburger Säuglingsstudie: WelcheFaktoren Beeinflussen das frühe Säuglingsschreien? Die Hebamme. (19 (1)), 12–18.
11 Wojcinski, S., & Schmidt, W. (2007). Frühentlassung nach der Geburt: DRG-Optimierung und gleichzeitig Vorteile für Mutter und Kind? Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie, 211(S 2), PO_02_14. doi:10.1055/s-2007-1002917
12 Sayn-Wittgenstein, F. z. (Ed.). (2007). Projektreihe der Robert-Bosch-Stiftung. Geburtshilfe neu denken: Bericht zur Situation und Zukunft des Hebammenwesens in Deutschland ; [Familienplanung, Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Stillzeit] (1. Aufl.). Bern: Huber.