Es ist unumstritten unser größtes Bedürfnis, dass sich nach einer Geburt Mutter und Kind körperlich und psychisch wohl befinden – gesund sind. An diesem Punkt setzt, mit dem Sicherheitsgedanken, das stärkste Argument für die Geburt in einem Krankenhaus und gegen die außerklinische Geburtshilfe an. In der Regel wird die außerklinische Geburtshilfe als risikoreich eingestuft. Im Gegensatz dazu wird davon ausgegangen, dass das Gebären in einem Perinatalzentrum die größtmögliche Sicherheit bietet. Natürlich werden Sie in fast allen Notfallsituationen im Krankenhaus schneller versorgt. Der Umkehrschluss, dass außerklinische Geburtshilfe risikoreicher ist als die Geburt im Krankenhaus, konnte bislang nicht erwiesen werden.

Im Gegensatz dazu konnte durch die Einführung des Qualitätsmanagements nachgewiesen werden, dass das Outcome in der außerklinischen Geburtshilfe als ebenso sicher betrachtet werden kann. In der statistischen Erhebung der QUAG (Gesellschaft für Qualität in der außerklinische Geburtshilfe e.V.) des Jahres 2014 wurden 11.157 Einlingsgeburten dokumentiert die außerklinisch begonnen haben. Insgesamt beträgt der Anteil der außerklinischen Geburten stabil etwa 1,3%. Von diesen Geburten konnten 90,5% als Spontangeburt beendet werden. Die Verlegungsrate betrug 16,7%. Bezogen auf alle diese Geburten mussten letztendlich 6,7% der Frauen dann per Sectio entbunden werden. Insgesamt hatten 95% der Mütter keine Probleme nach der Geburt. Auch bei Betrachtung der Kinder stellt man fest, dass bei 99,3% ein APGAR (Punkteschema zur Bestimmung des klinischen Zustandes des Neugeborenen) von über 7 (lebensfrisch) dokumentiert wurde (Loytved, 2016)1. Für das Jahr 2013 gibt es kaum Unterschiede zu diesen Daten. 33% der Frauen erhielten keine und weitere 24,3% mäßige Interventionen (Loytved, 2014)2. Zusätzlich zu diesen Erhebungen wurde durch ein Pilotprojekt in Hessen der Vergleich mit Klinikdaten möglich, so dass die Daten von Loytved und Wenzlaff für die außerklinische Geburtshilfe im Zehnjahreszeitraum von 1999-2009, in einen größeren Kontext gestellt werden konnten. Es ergibt sich aus der Zusammenführung laut den Autoren, dass die erzielten Ergebnisse der außerklinischen Geburtshilfe in Deutschlad einem Vergleich mit klinischen Ergebnissen standhalten können (Bauer, Wiemer, Misselwitz, & Kötter, 2011)3.

Die häufigste Antwort auf diese Fakten, dass in der außerklinischen Geburtshilfe lediglich die Frauen gebären, die keine Risikoeinstufung haben, ist ebenfalls kritisch zu hinterfragen. So wird 90 % aller Frauen, die in deutschen Kliniken gebären, entweder ein Schwangerschafts- oder ein Geburtsrisiko bescheinigt. Für die außerklinischen Geburten liegt der Anteil an Frauen ohne Risikoeinstufung mit 11,5 % ähnlich gering. Diese Angaben haben jedoch einen schlechten Vorhersagewert für den Geburtsverlauf, können aber, zumindest im klinischen Bereich, als Türöffner für den Beginn von Interventionen dienen (Baumgärtner & Rahden, 2010)4. Die World Health Organisation (WHO) bezieht nach Vetter und Goeckenjan (Vetter & Goeckenjan, 2005)mit der Aussage Stellung, dass es bei einer normalen Geburt einen guten Grund dafür geben sollte, in den natürlichen Verlauf einzugreifen. Diese Ergebnisse legen die eindeutige Empfehlung nahe, dass jede Frau eine Eins-zu-Eins-Betreuung zur Geburt erhalten sollte. Warum liegt die Rate der außerklinischen Geburten, welche insbesondere für eine solche Art der Betreuung steht, dennoch seit Jahren konstant bei unter 2 %? Laut Sayn-Wittgenstein (2007)wird die Geburt als risikoreiches Lebensereignis betrachtet, welches medizinischer Überwachung bedarf. Eine Denkweise, die von Ärzten/Ärztinnen angeboten und von Frauen als zeitgemäß angenommen wird. Als Qualitätsmerkmal werden dabei niedrige maternale und fetale Sterblichkeitsraten (Mortalitätsraten) angeführt. Jedoch gibt es keine Belege für einen derartigen Zusammenhang. Die perinatale Mortalität liegt seit ca. 30 Jahren konstant bei 0,5-0,6% obwohl die Interventionsraten heute so hoch wie nie zuvor sind (Schücking & Schwarz, 2004; (Statistisches Bundesamt, 2012)7, 8.

Im Allgemeinen ist in Gesundheitsbereichen, und insbesondere in den Phasen des weiblichen Umbruchs, wie z.B. der Geburtshilfe, eine Medikalisierung zu erkennen. So bewirkt die medizinische Sozialisation, dass aus mitunter durchaus wohlgemeinten Interessen und Motiven ein professionelles, jedoch möglicherweise inadäquates Hilfsangebot ermöglicht wird. Gründe dafür können ökonomische Faktoren, Verantwortungsabgabe der Frauen oder gezieltes Marketing sein. Lediglich der Deutsche Hebammenverband e.V. stellte sich 2006 ausdrücklich gegen eine Medikalisierung von Schwangerschaft und Geburt (Kolip & Lademann, 2010)9. Dabei gibt es Erkenntnisse, die auf eine Interventionskaskade im Verlauf der Geburt und somit schlussendlich auf eine erhöhte Morbiditätsrate (Rate von Erkrankten) hinweisen (Schäfers, 2011)10. Dennoch kommt es immer wieder zu einem bewussten Verschweigen des geplanten Geburtsortes, was im Zusammenhang mit der fehlenden Akzeptanz der außerklinischen Geburtshilfe in der Gesellschaft zu stehen scheint (Loytved, 2016)1. Jene Frauen, die sich dennoch für eine Geburt im Geburtshaus entscheiden, geben als häufigste Motivation Selbstbestimmung (78,2%), eine vertraute und angenehme Umgebung (72,6%) sowie das Sicherheitsbedürfnis (42,1%) an (Loytved, 2016)1.

Internationale Studien konnten zeigen, dass eine Eins-zu-Eins-Betreuung, also eine kontinuierliche Betreuung während der Geburt, für ein verbessertes Geburtsergebnis sorgt (Hodnett, Gates, Hofmeyr, & Sakala, 2013)11. Vergleichbar mit den oben aufgeführten aktuellen Daten aus Deutschland zeigte ein Cochane Review, dass diese Frauen signifikant häufiger vaginale Spontangeburten haben, weniger häufig Interventionen sowie Schmerzmittel unter der Geburt nutzen, zufriedener nach der Geburt waren und kürzere Geburten hatten. Zudem bekamen sie seltener eine Sectio sowie operative vaginale Entbindungen und es gab seltener Neugeborene mit einem niedrigen 5-Minuten APGAR (Hodnett et al., 2011)12. Des Weiteren soll sich eine Geburt, auf welche die Frauen gestärkt und zufrieden zurückschauen, positiv auf die Psyche auswirken und damit sowohl die Stillrate, als auch die Mutter-Kind-Bindung fördern (Hofmeyr et al., 1991)13. Auf der anderen Seite führt eine, durch präpartele (vorgeburtliche) Angst, mangelnde Bewältigungsstrategien oder mangelnde soziale Unterstützung, als traumatisch erlebte Geburt bei ca. 6% der Betroffenen innerhalb von 6 Monaten zu posttraumatischen Belastungsstörungen und bei weiteren 10% zu depressiven Störungen (Ehlert 2004)14. In unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitswesens konnte festgestellt werden, dass die Beteiligung an Entscheidungen, in Form von Shared Decision Making, nachweislich positive Effekte sowohl auf die Verbesserung des Outcomes, als auch auf Behandlungserfahrungen sowie auf eine Senkung der Behandlungskosten hat (Hibbard, Greene, & Overton, 2013)15. Es sollte demnach ein unumstrittenes Ziel des Gesundheitssystems, insbesondere des Bereiches der Geburtshilfe sein, Shared Decision Making zu implementieren (Baumgärtner & Rahden, 2010)4.

Bezogen auf die Sorge nach der Geburt mit dem Neugeborenen nach Hause zu gehen konnte eine Studie von Wojcinski und Schmidt (2007)16 zeigen, dass es nach Frühentlassungen nach der Geburt keine erhöhte Rate an Re-Hospitalisationen, Arztkonsultationen oder Wochenbettkomplikationen gab. Im Gegensatz dazu wurde die ambulante Betreuung durch die Hebammen sogar besser bewertet, als die stationäre Betreuung, es ergaben sich höhere Stillraten und weniger psychosoziale Probleme. Aus medizinischer Sicht hat eine Frühentlassung in eine kompetente Nachsorge bei lückenloser Übergabe und guter interdisziplinärer Zusammenarbeit demnach nicht nur keine negativen Auswirkungen, sondern kann sogar positiv besetzt sein. Dass ambulante Geburten, mit einer Verweildauer von zwei bis sechs Stunden nach der Geburt, dennoch zunehmend seltener vorkommen, liegt vermutlich an der Möglichkeit der Berechnung der Neugeborenen-DRG, die frühestens nach einem stationären Aufenthalt von 24 Stunden abgerechnet werden kann (Sayn-Wittgenstein, 2007)6.

Literaturverzeichnis
1 Loytved, C. (2016). Qualitätsbericht 2014: Außerklinische Geburtshilfe in Deutschland. Auerbach/V. Retrieved from QUAG e.V. website: http://www.quag.de/downloads/QUAG_bericht2014.pdf
2 Loytved, C. (2014). Qualitätsbericht 2013: Außerklinische Geburtshilfe in Deutschland. Retrieved from http://www.quag.de/downloads/QUAG_bericht2013.pdf
3 Bauer, S. H., Wiemer, A., Misselwitz, B., & Kötter, C. (2011). Ergebnisse des Pilotprojekts zum Vergleich klinischer Geburten (Hessen) mit außerklinischen Geburten (Bund). Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie, 215(S 01). doi:10.1055/s-0031-1293211
4 Baumgärtner, B., & Rahden, O. von. (2010). Schwangerenvorsorge und Geburtshilfe: Zwischen Ultraschall und Wehenschreiber. In P. Kolip & J. Lademann (Eds.), Juventa Paperback. Frauenblicke auf das Gesundheitssystem. Frauengerechte Gesundheitsversorgung zwischen Marketing und Ignoranz (pp. 90–107). Weinheim [u.a.]: Juventa.
5 Vetter, K., & Goeckenjan, M. (2005). Ärztliche Beratung zur Geburt. Der Gynäkologe. (38), 639–646.
6 Sayn-Wittgenstein, F. z. (Ed.). (2007). Geburtshilfe. Geburtshilfe neu denken: Bericht zur Situation und Zukunft des Hebammenwesens in Deutschland (1. Aufl). Bern: Huber.
7 Schücking, A & Schwarz, CM (2004). Adieu, normale Geburt?. In: Dr. med. Marbuse 2004 (148), S. 2225.
8 Statistisches Bundesamt. (2012). WHO Health Data, Indikatoren des Gesundheitswesens: Mutter-Kind Mortalität. Retrieved from http://www.gbebund.de/gbe10/abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gast&p_aid=0&p_knoten=FID&p_sprache=D&p_suchstring=9056::Mortalit%C3%BFt#T7
9 Kolip, P., & Lademann, J. (Eds.). (2010). Juventa Paperback. Frauenblicke auf das Gesundheitssystem: Frauengerechte Gesundheitsversorgung zwischen Marketing und Ignoranz. Weinheim [u.a.]: Juventa.
10 Schäfers, R. (2011). Gesundheitsförderung durch Hebammen: Fürsorge und Prävention rund um Mutterschaft und Geburt. Stuttgart: Schattauer.
11 Hodnett, E. D., Gates, S., Hofmeyr, G. J., & Sakala, C. (2013). Continuous support for women during childbirth. The Cochrane database of systematic reviews, 7, CD003766. doi:10.1002/14651858.CD003766.pub5
12 Hodnett ED, Gates S.,Hofmeyr GJ., Sakala C.,Weston J. (2011): Continuous support for women during childbirth. Hg. v. The Cochrane Collaboration. Issue.
13 Hofmeyr GJ, Nikodem VC, Wolman WL, Chalmers BE, Kramer T (1991): Companionship to modify the clinical birth environment: effects on progress and perceptions of labour, and breastfeeding. In: British Journal of Obstetrics and Gynaecology 1991 (98 (8)), S. 756–764.
14 Ehlert, Ulrike (2004): Einfluss von Stress auf den Schwangerschaftsverlauf und die Geburt. In: Der Psychotherapeut (49 (5)), S. 367–376.
15 Hibbard, J. H., Greene, J., & Overton, V. (2013). Patients with lower activation associated with higher costs; delivery systems should know their patients‘ ’scores‘. Health affairs (Project Hope), 32(2), 216–222. doi:10.1377/hlthaff.2012.1064.
16 Wojcinski S., Schmidt W. (2007): Frühentlassung nach der Geburt: DRG-Optimierung und gleichzeitig Vorteile für Mutter und Kind? In: Geburtshilfe und Neonatologie (211), S. 2–14.