ß-hämolysierende Streptokokken der Gruppe B, in der Regel vereinfacht B-Streptokokken genannt, führen immer wieder zu vielen Diskussionen im Rahmen der Geburtshilfe. Der Grund dafür ist die Gefahr einer schweren Infektion bei Neugeborenen bei gleichzeitig fraglich zielführender Prophylaxe. Mittel der Wahl ist derzeit die prophylaktische Gabe von Penicillin G i.v. unter der Geburt alle 4 Stunden1.

Bei durchschnittlich 16% Prozent der Schwangeren ist ein Nachweis von Streptokokken B im Anal- und/oder Vaginalbereich möglich2. In der Regel sind diese Schwangeren symptomlos, haben also keinerlei Beschwerden. Dennoch können sie ihre Kinder anstecken. In den meisten Fällen erfolgt dies bereits intrauterin über das Fruchtwasser3.

Die Infektion der Neugeborenen durch Streptokokken der Gruppe B wird in die frühe Form (Early-Onset) und die späte Form (Late-Onset) unterteilt. Derzeit erkranken 60 % aller infizierten Neugeborenen am Early-Onset5. Diese Kinder weisen im Mittel innerhalb von 20 Stunden nach der Geburt4, 5 Symptome einer Blutvergiftung (Sepsis), Lungenentzündung (Pneumonie) und seltener einer Hirnhautentzündung (Meningitis), Knochenmarkentzündung (Osteomyelitis) oder Gelenkentzündung (Arthritis) auf6. Auch wenn frühgeborene Kinder häufiger erkranken, betrifft die deutliche Mehrzahl der Fälle einer Sepsis mit 80 % reife Neugeborene2.

Die sich anschließende Frage ist demnach, ob man das Risiko einer Infektion durch ein generelles Screening und, bei positivem Befund, anschließender prophylaktische Antibiotikatherapie minimieren kann. In England wird davon ausgegangen, dass selbst bei einer Risikoselektion mit antibiotischer Prophylaxe ausschließlich bei Fieber unter der Geburt, Blasensprung seit über 18h, einer Frühgeburtlichkeit oder vorheriger Geburt eines Kindes mit Sepsis, 625 Frauen antibiotische Prophylaxe erhalten müssten, um einen Fall einer Sepsis zu vermeiden. Des Weiteren müssten 5882 Frauen behandelt werden, um einen tödlich verlaufenden Fall der Early-Onset-Sepsis zu vermeiden7. Nach Ansicht der Autoren und des UK national screening committee besteht nur ein sehr geringes Risiko einer Neugeborenensepsis durch B-Streptokokken, die kein generelles Screening und die sich anschließende Prophylaxe rechtfertigt8.

Die aktuelle Empfehlung der deutschen Gesellschaften für Pädiatrische Infektiologie, für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin, sowie für Perinatale Medizin und für Gynäkologie und Geburtshilfe ist jedoch ein generelles Screening durchzuführen.3 In Anlehnung an eine Studie aus den USA wird erhofft, auf diese Weise einen Rückgang der Early-Onset-Infektion durch Streptokokken B von 31 % zu erlangen9. Es wird jedoch das Bewusstsein erwähnt, den Erfolg eventuell durch eine Zunahme anderer potentieller Risiken für Mutter und Kind zu erkaufen3, 10. Hillebrand kritisiert diesen Umgang mit B-Streptokokken als ineffektiv. Der Autor gibt an, dass wirklich gefährdete Kinder untertherapiert seien; zahlreiche eigentlich nicht gefährdete Kinder seien dagegen aufgrund eines häufigen aber ungefährlichen Typs der Streptokokken B übertherapiert11. Die Gesellschaften halten an der Empfehlung fest, auch wenn eine Studie zeigen konnte, dass die Reduktion der Infektionsrate geringer ist, als von amerikanischen Institutionen (AAP, ACOG, CDC) eingeschätzt. Die Autoren halten eine Antibiotikatherapie unter der Geburt und nach der Geburt bei wenigen auffälligen Kindern für effektiver als eine prophylaktische Therapie bei mehr Frauen12.

Nach wie vor ist das Screening, trotz der Empfehlung der genannten deutschen Gesellschaften, nicht Teil der Mutterschafts-Richtlinien und demnach keine Kassenleistung13. Nach einem Review von 5 Studien schlussfolgerte Smaill, dass die dem Screening folgende Antibiotikatherapie zwar die Early-Onset-Infektionen von Neugeborenen zu senken scheint, allerdings keinen Einfluss auf die Sterberate hat. Außerdem gibt der Autor an, dass bei sämtliche Studien derzeit die schlechte Qualität, mit hohen potentiellen Fehlern in der Fallauswahl, zu beachten sei14. Für eine fundierte Empfehlung sollten weitere, qualitätiv hochwertige Studien abgewartet werden.

Unser Vorgehen:
Das Team des Geburtshauses hat sich, in Anlehnung an die Empfehlung aus England und die vorliegenden Studien, dazu entschieden, keinen negativen Nachweis auf ß-hämolysierende Streptokokken der Gruppe B einzufordern. Stattdessen erhält jede Schwangere (und ihre Begleitung), die im Geburtshaus gebären möchte, eine detaillierte Aufklärung. Unter der Geburt werden Frauen mit Auffälligkeiten wie z.B. Fieber oder auffälligen Herztönen in die Frauen- und Kinderklinik St. Louise (Perinatalzentrum) verlegt. 95 % der Neugeborenen mit Early-Onset Streptokokken B Infektion erkranken innerhalb von 24 h, weitere 4 % innerhalb von 48 h4. Dementsprechend werden alle Familien für die Zeit nach der Geburt durch die nachsorgende Hebamme erneut auf Hinweise/Symptome sensibilisiert, erhalten zudem die Aufklärung als Erinnerung schriftlich und werden in der ersten Zeit engmaschig begleitet.

Literaturverzeichnis:
1 Berner R, Bialek R, Borte M, Forster J, Heininger U, Liese JG, Nadal D, Roos R, Scholz H (2013) 98 Infektionen durch β-hämolysierende Streptokokken der Gruppe B (GBS). In: Berner R, Bialek R, Borte M, Forster J, Heininger U, Liese JG, Nadal D, Roos R, Scholz H (Hrsg) DGPI Handbuch. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.
2 Brimil N, Barthell E, Heindrichs U, Kuhn M, Lütticken R, Spellerberg B (2006) Epidemiology of Streptococcus agalactiae colonization in Germany. International journal of medical microbiology : IJMM 296:39–44. doi:10.1016/j.ijmm.2005.11.001.
3 MARTIUS J, HOYME UB, ROOS R, FRANZ A, BARTMANN P, POHLANDT F (2015) Prophylaxe der Neugeborenensepsis (frühe Form) durch Streptokokken der Gruppe B Leitlinien Kinder- und Jugendmedizin. Elsevier, S B17.1-B17.8.; AWMF online (2008) S2-Leitlinie; Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie (DGPI), Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (GNPI), Berufsverband der Frauenärzte BVF e.V., Deutsche Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM), Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin. http://www.gnpi.de/leitlinien/aktuell/024-020l_S2k_Neugeborenensepsis_Streptokokken.pdf. Zugegriffen: 11. Januar 2016.
4 Bromberger P, Lawrence JM, Braun D, Saunders B, Contreras R, Petitti DB (2000) The influence of intrapartum antibiotics on the clinical spectrum of early-onset group B streptococcal infection in term infants. Pediatrics 106:244–250.
5 http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/B9783437220616503645 (Leitlinie Neo für Prophylaxe bei Streptokokken B), B17 B17 Prophylaxe der Neugeborenensepsis (frühe Form) durch Streptokokken der Gruppe B J. MARTIUS(FEDERFÜHRUN), U. B. HOYME, R. ROOS, A. FRANZ, P. BARTMANN, F. POHLANDT
6 Fluegge K, Siedler A, Heinrich B, Schulte-Moenting J, Moennig M, Bartels DB, Dammann O, Kries R von, Berner R (2006) Incidence and clinical presentation of invasive neonatal group B streptococcal infections in Germany. Pediatrics 117:e1139-45. doi:10.1542/peds.2005-2481.
7 Hughes RG, Brocklehurst P, Heath P, Stenson B (2012) The Prevention of Eyrly-onset Nenatal Group B Streptococcal Disease; Green-top Guidline. Royal College of Obstetricians & Gynaecologists. https://www.rcog.org.uk/globalassets/documents/guidelines/gtg_36.pdf. Zugegriffen: 11. Januar 2016.
8 UK National Screening Committee (2008) Group B Streptococcus; The UK NSC policy on Group B Streptococcus screening in pregnancy. http://www.screening.nhs.uk/groupbstreptococcus. Zugegriffen: 11. Januar 2016.
9 ACOG Committee (2002) Opinion: number 279; Prevention of early-onset group B streptococcal disease in newborns. Obstetrics and gynecology 100:1405–1412.
10 Karstens L (2012) Klinische Epidemiologie, Serotypenverteilung und Antibiotikaresistenz von Gruppe B Streptokokken (GBS) in der Schwangerschaft: prospektive Kohortenstudie an der Universitäts-Frauenklinik Freiburg in den Jahren 2009-2010, Freiburg.
11 Hildebrandt S (2008) Das B-Streptokokken-Problem. Hebamme 21:111–115. doi:10.1055/s-2008-1074572.
12 Benitz WE, Gould JB, Druzin ML (1999) Preventing early-onset group B streptococcal sepsis: strategy development using decision analysis. Pediatrics 103:e76.
13 Lüdemann K (2015) Sinn und Unsinn von Untersuchungen in der Schwangerenvorsorge. Hebamme 28:84–89. doi:10.1055/s-0035-1547429.
14 Smaill F (2000) Intrapartum antibiotics for group B streptococcal colonisation. The Cochrane database of systematic reviews:CD000115. doi:10.1002/14651858.CD000115.