Eine der größten Sorgen, die Frauen (und auch Männer) vor der Geburt beschäftigt, ist der Geburtsschmerz. Laut einer großen prospektiven Studie gaben mehr als die Hälfte aller Frauen an, Angst vor den Schmerzen während einer Geburt zu haben. Weitere 20 % hatten zudem Angst sich ausgeliefert zu fühlen1. Aus diesem Grund ist eine der häufigsten Fragen von Interessentinnen/ Interessenten, ob im Geburtshaus Mittel gegen Schmerzen eingesetzt werden würden. Die Antwort lautet „nein“… oder „ja – aber anders“. Dies soll im Folgenden kurz erläutert und begründet werden.

Nach Hodnett ist der Einfluss von Schmerzen, Schmerzerleichterung und medizinischen Interventionen auf die Zufriedenheit mit der Geburt nicht so deutlich wie der Einfluss des Verhaltens der betreuenden Personen2. Auch Brander & Beinder geben an, dass die individuelle Betreuung und die Einbindung der Gebärenden in den Geburtsverlauf einen größeren Einfluss auf die Zufriedenheit mit der Geburt zu haben scheint, als die Art der Analgesie3. Diverse Projekte aus anderen Bereichen des Gesundheitswesens konnten ebenfalls zeigen, dass sozialer Rückhalt in Krisensituationen hilfreich ist und beim „Durchhalten“ helfen kann. Dieses Wissen um den sozialen Gradienten von Gesundheit sollte bei Gesundheitsförderungsmaßnahmen berücksichtigt werden4 und kann somit als Ziel für Maßnahmen der Angstminderung im Rahmen von Geburtsvorbereitung oder auch für Schmerzerleichterung ohne medizinische Interventionen in der Geburtshilfe übertragen werden.

Nichts desto trotz gewann insbesondere die Periduralanästhesie (PDA, im Volksmund: Rückenmarksspritze) zur Schmerzbekämpfung während der Geburt in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung. In den Jahren 2002 bis 2007 ist die Rate der Epi-/ Periduralanästhesien bei allen durch die Perinatalerhebung erfassten klinischen vaginalen Geburten in Deutschland sukzessive angestiegen5. Im Jahr 2013 erfolgten schließlich 26,93 % aller vaginalen Geburten in Kliniken mit Epi-, Peridural- oder Spinalanästhesien6. Setzt man diese Zahlen in Relation zu Geburtenzahlen und Risikoschwangerschaften lässt sich feststellen, dass der Anteil von Gebärenden mit PDA kontinuierlich anstieg, während die Geburtenzahlen bei gleichbleibendem Anteil an Risikoschwangerschaften abnahm7. Zudem fallen deutliche Unterschiede auf Länderebene auf. So ist beispielsweise die Rate der Epi- und Periduralanästhesie in Thüringen bei 7,8 %8, in Bayern bei 28,5 %9 und in NRW sogar bei 32,0%10. Diese Entwicklung ist jedoch durchaus kritisch zu betrachten. Die Schmerzanalgesie mittels Periduralanästhesie kann mit verschiedenen körperlichen aber auch psychologischen Risiken für die Gebärende, als auch für den Geburtsverlauf und somit auch für das Kind einhergehen. Neben bekannten Nebenwirkungen wie beispielsweise Infektionen im Punktionsgebiet und Spätfolgen wie Hämatombildungen und damit verbundenen Rückenschmerzen, kann es auch zu fetalen Reaktionen wie einer Hypoxie bei maternalem (mütterlichem) Blutdruckabfall kommen11. Zudem gibt es Erkenntnisse, die auf eine Interventionskaskade im weiteren Verlauf der Geburt und somit schlussendlich auf eine erhöhte Morbiditätsrate hinweisen12.

Da dieses eine konträre Entwicklung zum Präventionsgedanken darstellt und somit eine hohe Public-Health-Relevanz zeigt, schließt sich die Frage an, wie dieser zunehmende und doch unterschiedliche Bedarf an effektive Schmerzerleichterung während der Geburt entsteht. Im Allgemeinen ist in Gesundheitsbereichen, und insbesondere in den Phasen des weiblichen Umbruchs, wie z.B. der Geburtshilfe, eine Medikalisierung zu erkennen. So bewirkt die medizinische Sozialisation, dass aus mitunter durchaus wohlgemeinten Interessen und Motiven ein professionelles, jedoch möglicherweise inadäquates Hilfsangebot ermöglicht wird. Gründe dafür können ökonomische Faktoren, Verantwortungsabgabe der Frauen oder gezieltes Marketing sein. Lediglich der Deutsche Hebammenverband e.V. stellte sich 2006 ausdrücklich gegen eine Medikalisierung von Schwangerschaft und Geburt13. Eine von Meuser et al. 2008 publizierte Befragung kam zu dem Ergebnis, dass je größer eine geburtshilfliche Abteilung ist, desto häufiger erhielten Gebärende eine PDA14. In eine ähnliche Richtung zielen Ergebnisse, die zeigen, dass Frauen aus ländlichen Gebieten weniger häufig eine PDA erhalten als Frauen aus städtischen Teilen des Landes15. Allerdings kann durch diese Ergebnisse kein Rückschluss auf die zugrunde liegenden Ursachen gezogen werden. Vorstellbar sind sowohl gegebene bzw. mangelnde Wahlmöglichkeiten oder unterschiedliche Erwartungen der Frauen, als auch Auslastungen der geburtshilflichen Abteilung inklusive ökonomischer Überlegungen. Der Personalbedarf sinkt, wenn die Frauen mit möglichst geringen Mengen an Anästhetika nicht mehr auf die Gegenwart und Partizipation des medizinischen Personals angewiesen sind16.

Wie Geburtsschmerzen erlebt werden, wird von einer Vielzahl von Umständen beeinflusst. Unter anderem sind frühere Erfahrungen mit Schmerz und dessen Verarbeitung, dem Selbstvertrauen und der Unterstützung durch das soziale Umfeld zu nennen17. Nach Faltermaier18 hängen Auswirkungen gesundheitlicher Belastungen, wie in diesem Fall der Geburtsschmerz, von Bewältigungsmustern und der subjektiven Einschätzung verfügbarer Ressourcen und Kompetenzen ab. Diese Faktoren sind eng mit weiteren Einflüssen wie gesellschaftlichen Einstellungen und Prägungen, Rollenbildern, dem sozioökonomische Status oder dem medizinischen und gesundheitspolitischen System verwoben, so dass eine Aufschlüsselung einzelner Wirkungen in unserer zunehmend heterogenen Gesellschaft schwer möglich scheint. Die Beteiligung an Entscheidungen, in Form von Shared Decision Making, hat nachweislich positive Effekte sowohl auf die Verbesserung des Outcomes, als auch auf Behandlungserfahrungen sowie auf eine Senkung der Behandlungskosten19. Nichtsdestotrotz konnten verschiedene Ansätze bereits einen positiven Einfluss auf die Reduktion von Geburtsschmerzen, und damit einhergehenden Interventionen, zeigen.

Es sollte ein unumstrittenes Ziel des Gesundheitssystems und insbesondere des Bereiches der Geburtshilfe sein, Shared Decision Making zu implementieren. Für die Abläufe in Krankenhäusern würde das bedeuten, dass sich eine ganze Organisationskultur ändern müsste20. An dieser Stelle können die Konzepte von Geburtshäusern jedoch ansetzen. In einem Cochrane Review zeigte sich, dass Frauen, die eine kontinuierliche Eins-zu-Eins-Betreuung während der Geburt hatten, häufiger spontan gebaren, weniger Interventionen sowie Schmerzmittel bekamen, nach der Geburt zufriedener waren und leicht kürzere Geburten hatten. Dabei wurde der größte Effekt, durch eine Unterstützung von geschultem, nicht familiärem Personal erzielt. Im Vergleich zum Ausbleiben der Möglichkeit kontinuierlicher Betreuung hat jedoch sogar eine Begleitung durch ein ausgewähltes Mitglied des sozialen Umfeldes der Gebärenden Vorteile21. Neben der Voraussetzung für eine informierte Entscheidung sollte es in der Beratung darum gehen, den Geburtsschmerz als sinnvoll und physiologisch zu verstehen22.

Literaturverzeichnis:
1 Geissbühler, V., Zimmermann, K. & Eberhard, J. (2005). Geburtsängste in der Schwangerschaft – Frauenfelder Geburtenstudie. Geburtshilfe und Frauenheilkunde, 65(9), 873–880. doi:10.1055/s-2005-872836
2 Hodnett, E. D. (2002). Pain and women’s satisfaction with the experience of childbirth: A systematic review. American Journal of Obstetrics and Gynecology, 186(5), S160. doi:10.1016/S0002-9378(02)70189-0
3 Brander, D. & Beinder, E. (2007). Auswirkungen der Periduralanästhesie (PDA) auf das Geburtserlebnis: The impact of epidural analgesia on birth experience. Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie, (2), 76.
4 Weyers, S. (2008). Soziale Ungleichheit, soziale Beziehungen und Gesundheitsverhalten. In U. Bauer, U. H. Bittlingmayer, & M. Richter (Eds.), Gesundheit und Gesellschaft. Health inequalities. Determinanten und Mechanismen gesundheitlicher Ungleichheit (1st ed., pp. 257–270). Wiesbaden: VS, Verlag für Sozialwissenschaften.
5 Schäfers, R. (2013). Schmerzmanagement. In Deutscher Hebammenverband (Ed.), Geburtsarbeit – Hebammenwissen zur Unterstützung der physiologischen Geburt (2nd ed., pp. 36–56). Stuttgart: Hippokrates-Verl.
6 AQUA-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen GmbH. (2014). Bundesauswertung zum Erfassungsjahr 2013: 16/1 – Geburtshilfe Qualitätsindikatoren. Retrieved from https://www.sqg.de/ergebnisse/leistungsbereiche/geburtshilfe.html
7 Stratmann, A. (2012). Die Zufriedenheit von Schwangeren mit der Patient-controlled Epidural Analgesia (PCEA) unter der Geburt am Erlanger Kollektiv in den Jahren 2005-2008 (Dissertation). Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Erlangen-Nürnberg.
8 BQS. (2014b). Geburtshilfe: Jahresauswertung 2013, Modul 16/1, Thüringen Gesamt. Retrieved from http://www.laek-thueringen.de/wcms/DocsID/F43164A93C04D28DC1257CF5002926CE/$file/th_Gesamt_16n1-GEBH_2013.pdf
9 BAQ. (2014). Geburtshilfe: Auswertung 2013, Modul 16/1, Bayern Gesamt. Retrieved from http://www.baq-bayern.de/downloads/files/jahresauswertungen/2013/2013_161_gesamt_online.pdf
10 BQS. (2014a). Geburtshilfe: Jahresauswertung 2013, Modul 16/1, NRW Gesamt. Retrieved from http://www.qs-nrw.de/fileadmin/qsnrw/doc/Statistiken2013/nw_Gesamt_16n1-GEBH_2013.pdf
12 Schäfers, R. (2011a). Gesundheitsförderung durch Hebammen: Fürsorge und Prävention rund um Mutterschaft und Geburt. Stuttgart: Schattauer.
11 Steck, T. (2008). Methoden der Schmerzausschaltung. In T. Steck, E. Hertel, C. Morgenstern, & H. Pachmann (Eds.), Kompendium der Geburtshilfe für Hebammen (pp. 236–246). Wien, New York: Springer.
13 Kolip, P. & Lademann, J. (Eds.). (2010). Juventa Paperback. Frauenblicke auf das Gesundheitssystem: Frauengerechte Gesundheitsversorgung zwischen Marketing und Ignoranz. Weinheim [u.a.]: Juventa.
14 Meuser, T., Wiese, R., Molitor, D., Grond, S. & Stamer, U. M. (2008). A survey of labour pain management in Germany. Der Schmerz, 184–190.
15 Powers, J. R., Loxton, D. J. & Chojenta, C. L. (2013). Regardless of where they give birth, women living in non-metropolitan areas are less likely to have an epidural than their metropolitan counterparts. Women and Birth, (26 (2)), 77–81.
16 Stratmann, A. (2012). Die Zufriedenheit von Schwangeren mit der Patient-controlled Epidural Analgesia (PCEA) unter der Geburt am Erlanger Kollektiv in den Jahren 2005-2008 (Dissertation). Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), Erlangen-Nürnberg.
17 Ritsch, N. (2010). Periduralanästhesie – die wichtigsten Fakten für die Beratung der Gebärenden. Die Hebamme, 23(01), 27–31. doi:10.1055/s-0030-1248877
18 Faltermaier, T. (2005). Migration und Gesundheit: Fragen und Konzepe aus einer salutogenetischen und gesundheitspsychologischen Perspektive. In P. Marschalck & K. H. Wiedl (Eds.), Schriften des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien (IMIS) der Universität Osnabrück / hrsg. von Vorstand des Instituts: Bd. 10. Migration und Krankheit (2nd ed., pp. 93–112). Göttingen: V und R Unipress.
19 Hibbard, J. H., Greene, J. & Overton, V. (2013). Patients with lower activation associated with higher costs; delivery systems should know their patients‘ ’scores‘. Health affairs (Project Hope), 32(2), 216–222. doi:10.1377/hlthaff.2012.1064
20 Baumgärtner, B. & Rahden, O. von. (2010). Schwangerenvorsorge und Geburtshilfe: Zwischen Ultraschall und Wehenschreiber. In P. Kolip & J. Lademann (Eds.), Juventa Paperback. Frauenblicke auf das Gesundheitssystem. Frauengerechte Gesundheitsversorgung zwischen Marketing und Ignoranz (pp. 90–107). Weinheim [u.a.]: Juventa.
21 Hodnett, E. D., Gates, S., Hofmeyr, G. J. & Sakala, C. (2013). Continuous support for women during childbirth. The Cochrane database of systematic reviews, 7, CD003766. doi:10.1002/14651858.CD003766.pub5
22 Ahrendt, C. (2010). Beratungsleitfaden zum Thema Geburtsschmerz. Die Hebamme, 23(01), 32–36. doi:10.1055/s-0030-1248878